Fabian Kettner

Theodor W. Adorno: Ontologie und Dialektik / Vorlesung über Negative Dialektik

Bestimmt ohne Standpunkt

Seit 1993 erscheinen bei Suhrkamp in unregelmäßigen Abständen transkribierte Vorlesungen Adornos in der Abteilung IV der vom Theodor W. Adorno-Archiv herausgegebenen Nachgelassenen Schriften. Den Anfang machte die als Einführung gern empfohlene Einleitung in die Soziologie aus dem Jahre 1968, es folgten Vorlesungen über Kants „Kritik der reinen Vernunft“ (1959), Probleme der Moralphilosophie (1963) und Metaphysik. Begriffe und Probleme (1965).
Mit den beiden hier besprochenen Bänden liegen Adornos Vorlesungen zu den drei Teilen eines seiner wichtigsten Werke, Negative Dialektik, komplett vor. Die Modelle aus dem dritten Teil (Kant und Hegel) wurden in der Vorlesung Zur Lehre von der Geschichte und von der Freiheit (1964/65) behandelt. Ontologie und Dialektik ist das Korrelat zum ersten, Vorlesung über Negative Dialektik zum zweiten Teil, sowie zur Vorrede und zur Einleitung.

Heideggers Philosophie, deren „sektenhafte Attraktionskraft“ (Ontologie und Dialektik, 202) Adorno en détail darstellt und erklärt, stellt sich „bis in die philologische Wurzel herein gegen kritisches Denken“ (117). Reflexion muss Heidegger versagen und diffamieren, damit er seine Abschaffung des Denkens durch das Denken installieren, vor kritischem Zugriff bewahren und dessen Würde, v.a. durch eine archaisierende Sprache, aufbauen kann. An Adornos Kritik, deren viele Facetten hier nicht beleuchtet werden können, kann dessen Begriff von Kritik und Dialektik nachvollzogen werden. Er versucht „nachzuholen ..., was von diesem Typus des Denkens verweigert wird“ (39), die Entfaltung der in der Sache liegenden Widersprüche. „Immanente Kritik“ (325) heißt hier zweierlei. Zum einen, dass Heidegger nicht das hält, was er verspricht: dass er das „ontologische Bedürfnis, der Index eines Fehlenden“ (152), zwar aufgreift und schürt, aber nicht befriedigt; dass seine Rebellion gegen die Tradition eine sichere und konformistische; dass sein Ursprung nur ein fingierter und selber „kunstgewerblich[.]“ seriell produziert ist (231). Zum anderen verfährt Adorno „eben nicht als Gegenposition gegen eine andere von außen her“, sondern führt „über einige Motive der Ontologie durch immanente Kritik hinaus“ (12). Er behandelt die ontologische Problematik so, „daß aus ihr und aus der Frage nach ihrer eigenen Wahrheit die Motive dialektischen Denkens heraus[kommen]“ (325).
„Dialektik ... ist im Grunde gar nichts anderes als dieses Verfahren“ (12). Man hat sie nicht, sie ist, dies gegen den Marxismus, keine „Standpunktphilosophie“ (9) und keine „Methode“ (332). Adorno bezeichnet Dialektik als „philosophische Verfahrensweise“ (330). Was aber ist im Vergleich dazu negative Dialektik? Auch sie sei eine „Haltung“ (Vorlesungen über Negative Dialektik, 47), die „Fiber des Denkens“ (9); sie bezeichne „das gleiche wie Kritische Theorie“ (36f.), „rücksichtslose Kritik alles Bestehenden“ (26). Nach Hegel und Marxismus verfolgt Adorno die „Wiederaufnahme des Prozesses über die Dialektik“ (228). Sein Verhältnis zur Dialektik gleicht seinem Verhältnis zur Philosophie überhaupt. Negative Dialektik ist Dialektik ihrer besseren Möglichkeit nach. Eigentlich ist „alle Dialektik negativ“ (10) und „die oberste Gestalt der Philosophie“ (85), denn Philosophie ist „ihrem eigenen Begriff nach widerspruchsvoll, also in sich selbst dialektisch“ (112). Wo sie es nicht ist, verfällt sie Adornos Kritik. Bei ihm ist Philosophie das, was sie ist, wenn sie wirklich Philosophie wäre, wenn sie nicht vor ihrem eigenen Anspruch scheiterte.
Wieso aber beschäftigt sich Adorno noch mit ihr? Die „Aktualität der Philosophie ist daraus abzuleiten, daß ihre Abschaffung“, dass ihre von Marx postulierte Aufhebung durch Verwirklichung „mißlungen ist“ (69). „Das Nachdenken, warum es nicht geschah, ist Philosophie“ (85). Weil die kommunistische Assoziation der Freien und Gleichen nicht praktisch wurde, wird man „an die Theorie wieder zurückverwiesen“ (86f.).
Negative Dialektik übt Kritik am „Identitätsanspruch“ von Begriff und Sache, an der „Hypostase des Geistes als des schlechterdings Ersten und ... Tragenden“ (37). Was nach einem scholastischen Streit aussieht, geht auf die Grundlagen von Gesellschaft: Das Identitätsprinzip ist die „geistige Reflexion“ der „Naturbeherrschung“, das „immanente[.] Bestreben allen Geistes, sein Anderes, das was an ihn herangetragen wird oder worauf er stößt, sich gleichzumachen“ (21). Dieses Bestreben führt zu Fehleinschätzungen. Mit dem „Postulat der absoluten Sicherheit“ wird „dem Begriff etwas zugemutet, was er eigentlich gar nicht erfüllen kann“ (146): zu identifizieren, was ihm nicht gleich ist. Die Anmaßung, die Welt in sich begreifen zu können, lässt Erkenntnis „unterm Gebot des Sekuritätsideals ... potentiell bloße Tautologie“ werden (195). Philosophie, die ihr Interesse „beim Begriffslosen“ (99) hat, bringt sich so um ihren Gegenstand, das Nichtidentische, „das Nichtbegriffliche, das worauf die Begriffe sich beziehen“ (95). Philosophie, der „Rückfall in den Formalismus“ (96) droht, restringiert so Denken wie Gegenstand.
Dem entgegenzuwirken, daran hängt die Möglichkeit von Kritik. Adorno macht einen durch seine Abkunft vom Idealismus klassisch verlästerten Begriff, den der „Spekulation“, stark. „Motiviert weiter denken als durch Fakten belegt ist“ (130), „der spekulative Überschuß des Denkens übers bloß Seiende ist seine Freiheit“ (145). Ideologiekritik bedarf dessen. Nur in ihr „überlebt“ der Gedanke der ontologischen Philosophien, der „Tiefe“, „daß man die Fassade durchdringen soll“ (Ontologie und Dialektik, 237).
Erkenntnis wäre: nicht sich selber zu finden. Deshalb ist es Aufgabe, „das nicht Begriffliche, der Phil[osophie] Heterogene in diese hineinzunehmen“ (Vorlesungen über Negative Dialektik, 85). Negative Dialektik „befestigt das Denken an dem, was es nicht selber ist“ (195), damit Denken überhaupt Denken sein kann. An dieser Stelle kommt ein ungeschminkt materialistisches Moment herein, der „Vorrang des Objekts ..., der springende Punkt einer negativen Dialektik“ (197), dessen Notwendigkeit aus Subjektphilosophie selber gefolgert wird.
Weil Philosophie „keinen ihrer Gegenstände ganz“ (124) hat, ist sie notwendig „fehlbar“ (127), muss sie, um Philosophie zu sein, als eine konzipiert werden, die fehlgehen kann. Dieses Programm nannte Adorno im Positivismusstreit „offene Erfahrung“, hier auch „volle, unreduzierte Erfahrung“ oder „geistige Erfahrung“ (114), gerichtet gegen eine „Manier sozialversicherter Erkenntnis“ (194). Aber was soll das „Desiderat der Vorbehaltosigkeit dem Objekt gegenüber“ (121) sein, was die „gleichsam bewußtlose Versenkung des Bewußtseins in die Phänomene“ (179)? Zu näheren Ausführungen ist Adorno nicht mehr gekommen, aber das Vage und Gefährliche hat er gespürt. So bedient er sich einer doppelten Absicherung: einerseits habe offene Erfahrung ein „ästhetische[s] Moment“ und des „Spiels“, andererseits habe sie es „aufzuheben in der Verbindlichkeit ihrer Einsichten“ (129) und „idiosynkratische Genauigkeit in der Wahl der erkennenden Worte“ (216) zu üben; ist „Intuition“, der „Einfall“ Moment der Philosophie (129), so ist „sogleich auch [zu] kontrollieren ..., ob er wirklich das dabei Gemeinte genau trifft“ und „gleichzeitig auch die äußerste Kritik gegen den Einfall auszubilden“ (137f.); der Gedanke bedarf „ebenso seiner Disziplin wie seiner Disziplinlosigkeit“ (135). Adorno möchte „die Mauer sprengen, die der Begriff durch sein eigenes begriffliches Wesen um sich und um das, worauf er geht, legt“ (96), aber dieser Ausbruch ist nicht unmittelbar, „kopfüber“ (110) möglich, sondern „verbindlich zu vollziehen“ (164). Nur mit dem Begriff ist über den Begriff hinauszugelangen, denn „nur Begriffe können vollbringen, was der Begriff verhindert“ (220). Was genau dies heißt und wie dies auszusehen hätte, wäre freilich noch zu entwickeln.
Aus der Kritik des philosophischen Systems, v.a. Hegels, soll der Gedanke nicht „der Zufälligkeit und der Willkür überantwortet“ werden (63). Es gibt eine „Nötigung“ zum System (59). Im anscheinend rein geistigen System schlägt Gesellschaft sich nieder, es zeigt Reales an: dass die kapitalistisch zugerichtete Welt zum geschlossenen System tendiert. Prätentiös gewagtes, anti-systematisches Denken verdeckt dieses Reale. „Daß kein System sei, will vortäuschen, es sei noch Leben. Wer das System leugnet, erscheint auch noch als Sprecher freien, unakademischen Denkens“ (175). Von hier erhält der Gedanke seine Festigkeit, „er richtet sich gleichsam nach dem Widerstand“, dem „Zwang der Sache“ (56), der nicht ein rein innerlogischer, sondern Zwang der Gesellschaft ist. Sie, dieses reale „Allgemeine“, das mit keinem Neo-Nominalismus und keinem Sprachspiel zu dekonstruieren ist, „ist fusioniert mit dem unterdrückenden Prinzip, ... das Negative, an dem es seinen Angriffspunkt hat. Negativ ist Dialektik vermöge der Negativität ihres Objekts“ (207).

THEODOR W. ADORNO: Ontologie und Dialektik (1960/61). Hg.v. Rolf Tiedemann.
Frankfurt/M: Suhrkamp, 2002. ca. 440 S., € 32,80 und Vorlesung über Negative Dialekik
(1965/66). 2003. ca. 460 S., € 32,90